Konrad Merz
aan
Menno ter Braak

Amsterdam, 1 juli 1935

Amsterdam Oost, Pythagorasstraat 21

1 Juli 35

 

Lieber Herr Dr. ter Braak,

Ihr Brief kam eben – ich danke Ihnen. Es ist mir so unendlich unangenehm, Sie noch wieder zu belästigen.

Warum muß man den Besten zur Last fallen und dann für dieses, für nix!

Ich möchte nicht, daß Sie extra meinetwegen nach A’dam kommen. Haben Sie bald einmal noch etwas hier zu tun, was für Sie wichtiger ist? Dann wäre es schön, wenn Sie auch dieses tun wollten. Haben Sie zufällig gar eine Beziehung oder Empfehlung zu einer Amsterdamer Autorität? Denn mit den ganz kleinen Schnurrbartbeamten kann man schlecht sprechen, fürchte ich.

Kann man die Krankenfrage – ein Vegetarier darf übrigens niemals krank sein – nicht dadurch abwenden, daß ich in einen ‘Ziekenfond’ gehe? Auf meine Kosten.

Aber Sie haben recht, und werden besser wissen, was man tun kann.

Auch Ihr Vorschlag, jetzt noch nicht zu Querido zu gehen, scheint nur besser. Ich wollte ja nur während der Arbeit, mich nicht um anderes zerstückeln müssen und konnte Ihre große Freundlichkeit nicht voraussehen.

Ich selbst meine übrigens nicht, der erste Teil sei nur ‘eine Darlegung der Situation des Verfassers’. Aber ich weiß es nicht genau, denn ich weiß nicht. Ich habe gar kein Buch schreiben wollen, wenigstens nicht, wie man gewöhnlich ein Buch schreiben will. Damals bin ich in meiner Einsamkeit zu voll, zu schwer geworden, schwer bis zum Hinfallen, dies Deutschland und diese Jugend, wer soll das tragen! Und dann fing es an zu bluten, auszubluten, und dieses Ausbluten ist das Buch.

Das Nasse sollte noch darin sein (auch Humus heißt ja nass, feucht)

Ich wollte nicht, ich mußte, und meinte, die Mutter möge ruhig verbluten, wenn nur das Kind lebt. Langsam bin ich mir wohl klarer geworden. Im ersten Teil war die Handlung immer mehr Regung als Handlung, aber wohl immer Bewegung, nun wird sie mehr nach außengehen. Und so haben Sie freilich recht. Eine Mutter sieht ihr Kind wohl immer anders als andere. Ich war erst glücklich, als ich merkte, Sie hätten mich verstanden. Und vor allem, daß ich in dem Grenzenlosen einen Menschen kennen lernte.

Das Buch von Salomon habe ich leider nicht gelesen. Bin hier nun bei allen möglichen Bibliotheken gewesen, es ist nirgends bekannt oder gar vorhanden.

Könnten Sie es mir vielleicht für einige Tage leihen? Auch ich halte es für unbedingt notwendig, es zu lesen. Aber woher...?

Wenn Sie mir also angeben, wann und wo hier in A’dam, so bin ich selbstverständlich, wann es Ihnen recht ist, dort.

Noch einmal, bitte: Verzeihung!

und innigen Dank

Ihr

Kurt Lehmann,

 

Origineel: Den Haag, Literatuurmuseum

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