Lied der Seerauber-Jenny in der Dreigroschenoper

Kurt Weill und Lotte Lenja mit Gruss.

 

Ja, etwas Lustiges wollen wir singen. Sie sind die Gäste, genau so sassen die in der Spelunke an Hafen. Und vorndran stand das arme Abwaschmädchen Jenny und sang, wie sie die Gläser wusch. Und die Gäste lachten zu dem Lied von so einer.

Was das Volk zu seiner Arbeit singt, macht immer Spass. Schlichte treue Weisen aus der Zeit, da noch jeder seine Pflicht tat. Auch der Inhalt des kleinen Liedchens, das das Abwaschmädchen sang, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Drum doppeltes Ergo bibamus. ‘Meine Herrn, heut sehn Sie mich Gläser aufwaschen und ich mache das Bett für jeden und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell und Sie sehn meine Lumpen und dies lumpige Hotel und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden. Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen und man fragt: was ist das für ein Geschrei? - und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern und man sagt: was lächelt die dabei? - Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai. - Und es werden kommen hundert gen Mittag an Land und werden in den Schatten treten und fangen einen jeglichen vor jeglicher Tür und legen in Ketten und bringen vor mir und fragen: welchen sollen wir töten? - Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen, wenn man fragt, wer wohl sterben muss. Und dann werden sie mich sagen hören: Alle! Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla! - Und das Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.’ - Das ist das Liedchen der Seeräuberjenny, von Polly an ihren Hochzeitstag vorgetragen; ein unschuldiger Scherz, er bringt bei derartigen Festen immer Stimmuug und man nimmt die gute Absicht für die Tat. Schade, dass man dan wunderschönen Rhythmus, auch die schicke Melodie Weills nicht mit hierher setzen kann. Sie geht ins Blut und dürfte sich bei frohen Anlässen als Nationalhymne empfehlen.

Darf man auf Feinheiten aufmerksam machen, so nebenbei? Wie sie selbst nebenbei scheinen, im Rhythmus des Zweivierteltakts, der so leicht zum Trauermarsch wird. Auch das freche Moll spricht an, das zwischen Chanson und Trauermarsch verbindet. Die Gewürze des Harmoniewechsels, die hübsch einschneidende Sekunde bei der Frage: Töten?, die unsäglichen Arpeggien bei ‘Schiff’ und ‘Segel’, der Orgeldreiklang des ‘mir’, mit dem das Schiff entschwindet. Jazzorchester sitzt auf einer Bühne, die zwischen Bar und Kathedrale ist, und die Musik ist gleichfalls zwischen Bar als Kathedrale, Kathedrale als Bar, ununterscheidbar. Blümchen wachsen aus dem faulsten Operettenzauber, aus Kitzelchansons von 1900, aus der Herrlichkeit amerikanischer Jazzfabrikate, mit der Hand nachgemacht, vorgemacht. Im Schmalz dieses Zaubers

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hielt sich eine unsägliche Theologie, lehrreich, sie in Aspic zu setzen. Aber auch Heilsarmeelieder klingen in der Dreigroschenluft um Jenny; Jesus in der Drehorgel und das Vaterunser als Gassenhauer. Vom ganz anderer Ende her hatte die Heilsarmee schon Verbindung zur Gasse geschaffen; darauf spuckte sie ihn ans, den alten Sündenschleim, an der nächsten Strassenecke schwenkte sie in den Himmel. Ausstellung der Hallelujamädchen, grosser Feuer- und Schwefelgalopp, Herabkunft des Teufels um 11 Uhr, Abfeuern der grossen Golgathakanone um Mitternacht, dies erste Programm der Heilsarmee ist schon Jenny-Stil, wenn auch nur demagogisch und mit Zuckerwasser am Ende. Aber im Weill-Brecht-Land macht sich nicht mehr die Frömmigkeit gemein, sondern die Blasphemie rechtgläubig. Der himmlische Bräutigam erscheint der Schubertschen Nonne, die hier die Seeräuberjenny ist, als Pirat und das Hoppla ist so apokalyptisch wie man nur will. Und der reitende Bote des Königs, mit dem die Dreigroschenoper als ‘Opernparodie’ schliesst, ist aus der Fideliogegend, sehr fühlbar; schlägt das Retterpathos auch nur durch wie Butterbrot durchs Papier. Ja fast kommt der Kerl der Seeräuber-Jenny als reitender Bote des Königs wieder, viel zahmer, begnügt sich damit, den Banditenchef zu retten und die Anderen zum Zeichen des Triumphs einen Choral singen zu lassen: - dennoch gehen auch im Schlusschoral trauriger cantus firmus und Piratencredo ineinander. ‘Denn es ist kalt, Bedenkt das Dunkel und die grosse Kälte in diesem Tale, das von Jammer schallt’ - dem Tal steht die Schiffsvision ausgezeichnet, bis zuletzt. Wenn die reitenden Boten des König nur öfter kämen; die Niederen werden erhöht, die Hohen erniedrigt werden, der Herr bricht ein um Mitternacht, zu Schiff statt zu Pferd und mehr gegen als vom König, denn mit fünfzig Kanonen wird das sicherer und unter acht Segeln wärmer sein.

Wer versteht deun das kleine Liedchen am besten? Die Kinder würden den Finger strecken, dass sie es sind; und dann die Mädchen im Elternhaus, und dann die Jungens in der Schule. Auch sie haben ihre unendliche Erzählung, in der sie gesittete Mordbrenner sind; das begleitet und spinnt sich aus auf dem Schulweg, vorm Einschlafen, es kann ein Kriegsschiff ‘Argo’ sein und der Träumer selbst der ‘Fürstadmiral’, hat sich längst aus dem verfluchten Stall herausgeholt, verteilt die Welt an sich und die Türkei. Aber so gut kommt im kleinen Lied auch das Zünd an, Zünd an, das Hexenhafte des Weibs auf seine Rechnung und jene, die den Herren gemacht wird. Haben nicht Flintenweiber, Petroleusen zu allen Zeiten die Revolution begleitet und passt nicht dem Weib die Räuberbraut vorzüglich auf den Leib, in jeder besseren Kolportage und dem Leben, das einmal kolportagehaft scharf wird? Das ‘Böse’, Unterirdische des Weibs, sein geheimes Einverständnis mit der Unterwühlung, die es ruft und erwartet: ‘Man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern und man sagt: was lächelt die dabei? Man wird mich stehen sehn bei meinen Fenster und man sagt: was lächelt die so bös?’ - dies Lächeln war schon oft mit dem roten Terror verbunden oder wurde von ihm nützlich gebraucht. Ein ziemlich gerader Weg führt von diesem Lächeln nicht nur zu Senta, die das Bild ruft, oder zur sanften Elsa, die solange an seiner Sphäre saugt, bis der Retter erscheint, sondern eben auch zu den Hexen,, vor denen die gesetzte Christenheit zitterte, ja zur Paradiesesschlange, mit der sich Eva so gut versteht. Man wird die Seeräuberjenny weniger verurteilen, wenn man die Rolle des luziferischen Tiers in der Geschichte der Revolutionen und mancher Religionen bedenkt: die Paradiesesschlange ist dann sozusagen die Raupe der Göttin Vernunft, Und die ‘Seele’ nicht zu vergessen, die allemal weiblich ist, das Mädchen Psyche in entsetzlichen Vaterhaus der Welt. Aber einen Tag erscheint (so legten doch frühchristliche Ketzer die Bibel aus) ein Mann Jesus, gerade aus der völligen Fremde, wird die Seele holen, schon fühlt sie den Ring am Finger, gegen ihren Vater, die Eltern, die Welt und den Vater aller Dinge. Auch ein Fetzen dieser Verlobung ist im Lied, die Kolportage schneidet mit dem mystischen Piraten manichäische Gegenden und mehr ulkig, die die gnädige Frau das so hinlegt; Rächer, Entführer, Schiffs-Messias von dereinst.

Also wer gut zuhört, der schmeckt hier, was immer los ist, weil es noch nie los war. In Weills Liedchen sind die Fruchtmotive nicht nur sentimental, und die ‘Frömmigkeit’, ist nicht romantisch. Man spürt den unstatischen Hintergrund der Zeit. Vor zehn Jahren wäre Senta nicht als Braut des roten Freibeuters erschienen, auch in Strawinsky's ‘Geschichte vom Soldaten’ nicht, die das Original guter Musik aus Abfall, Traum und Lumpen ist. Auch das: ‘sie wissen immer noch nicht, wer ich bin’ hätte nicht seine süssen und gefährlichen Hintergründe, wäre kein revolutionärer Zustand in der Welt und der unterdrückte Mensch nicht in jedem Sinn auf dem Marsch, sich zu konkretisieren. Die Gäste lachen zwar über Jennys Lied und finden es nett, die Bürger reagieren sich ab und helfen den Dreigroschenoper zu einem Erfolg, den ihr Bierulk, aber nicht diese starke Dynamitstelle verdient hätte. Der Kerl der Jenny kommt leider nicht als Bote des Schlusses und beschiesst die Stadt (was die revolutionäre Logik des Stück gewesen wäre): est ist dennoch unzuverlässige Musik, dicke Luft im Amüsement, die satte Kunst ist hin, die Substanz erscheint als Dreck, im Abwaschzuber und in dem, was die denkt, die davor steht. Glüh, heil'ge Flamme, glüh - an Lumpen brennt sie am besten. Schlage doch, gewünschte Stunde, gewünschte Stunde, schlage doch - auch die Seeräuberjenny singt Kantaten, soweit sich von einer so ungebildeten und geschundenen Person überhaupt etwas erwarten lässt. Ihr Pietismus ist drohend, aber ihr Liedchen gehört in die Wochen vor Weihnachten. Echte Adventsstimmung, den Anforderungen des neuzeitlichen Geschmacks entsprechend.

ERNST BLOCH