Samuel Lewin
aan
Menno ter Braak

Wenen, 19 juni 1935

Wien, 19.6.35.

S. Lewin bei Kemp, III. Seidlgasse 14.

 

Lieber Herr ter Braak,

Es geschieht schon im Leben, dass eine Freundschaft nur eine gewissen Zeit, eine kürzere oder längere, dauert, doch an dem, was war, ändert sich darum nichts. Bald ist es ein Jahr, dass ich Sie kennen lernte. Die kurze Zeit, in der ich das Glück hatte, Ihr Gast zu sein und die Stunden, die ich in Ihrer Gesellschaft verbrachte, bleiben für mich sehr wertvoll. Ich weiss die Ursache nicht, warum Sie mir nicht mehr schreiben und meine Briefe nicht beantworten; ob das deshalb geschieht, weil auch die grösste Liebe aufhören kann und vielleicht aufhören soll, um bei anderer Gelegenheit und auf anderer Basis (die Liebe an und für sich) sich wieder zu erneuern, oder ob Sie mir darum nicht schreiben, weil Sie keine Zeit haben oder vielleicht gar... aus Faulheit oder irgendeines entstandenen Komplexes wegen, so dass Sie lieber schon gar nichts von sich hören lassen wollen - wie dem auch sei, mein Gefühl für Sie und meine Dankbarkeit Ihnen gegenüber bleiben unverändert. Um eines aber bitte ich Sie: ich muss mein Manuskript ‘Reb Moischel’ zurückhaben, da ich nur ein Exemplar davon habe und dieses Drama noch bei anderen Bühnen einreichen will. Auch hätte ich gern gewusst, was mit meiner Erzählung, die sie der ‘Sammlung’ schickten, geschehen ist, ebenso mit der Legende, die der Verlag Nijgh & van Ditmar herausgeben wollte, falls Jo Spier sie illustriert. Selbstverständlich interessiert es meine Frau genau so und vielleicht noch mehr, Ihre Meinung über ihre Uebersetzung zu wissen, wie sie Ihnen gefiel, und weshalb Sie ihr nicht die geänderten zwei Kapitel zuschickten, damit sie sie übersetzen kann. Oder ist die Uebersetzung so slecht, dass Sie auf die weitere Arbeit verzichten?

Für das zugeschickte Buch besten Dank.

Ich hoffe, dass es Ihnen und Ihrer Frau gut geht, und Sie nicht zu viel unter Hitze zu leiden haben. Von meiner Frau und mir die besten Grüsse für sie beide.

Ihr S. Lewin

 

Origineel: Den Haag, Letterkundig Museum

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