Menno ter Braak
aan
Samuel Lewin

Den Haag, 24 juni 1935

Haag, 24 Juni 1935

Pomonaplein 22

 

Lieber Herr Lewin

Heute kam ich aus Paris zurück, wo ich einen Schriftstellerkongres besuchte, leider stellte es sich heraus, dass es mehr oder weniger ein Theater von Moskau war, und fand Ihren Brief, der mich dazu veranlasst Sie endlich zu schreiben. Aus Ihren Brief wird mir nicht klar, ob Sie meine Karte aus Brüssel erhalten haben; auf jeden Fall aber haben Sie recht, wenn Sie mich als einen wenig freundschaftlichen Freund betrachten, vom Standpunkt des Briefschreibens betrachtet. Ich will nicht versuchen mich zu entschuldigen. So bin ich nun einmal, d.h. so bin ich als Journalist geworden.

Nicht nur Sie beklagen sich darüber, dass Sie fast nie etwas von mir hören. Ich muss für diese verdammte Zeitung soviel schreiben, dass ich persönliche Briefe immer wieder verschiebe; sogar für meine eigene Arbeit habe ich in den letzten Zeiten fast keine Augenblicke übrigbehalten. Ich will Sie also bitten (es ist, ich wiederhole es, keine Entschuldigung), mich zu nehmen wie ich bin. Wir (meine Frau und ich) sprechen sehr oft über Sie und erinnern uns mit Freude der Zeit, in der Sie bei uns wohnten, das wird Ihnen hoffentlich auch etwas wert sein, wenn es auch etwas ‘platonisch’ anmutet.

Dass ich noch nichts näheres schrieb über die Uebersetzung des ‘Politicus’ hat aber einen besonderen Grund. Ich wollte nämlich, wenn möglich, Ihre Frau nicht nur mit Worten danken, sondern zu gleich über eine Möglichkeit einer Veröffentlichung schreiben. Darum habe ich das Kapitel ‘Nietzsche contra Freud’ sofort durchgesehen und es Klaus Mann für die Sammlung geschickt, in der Hoffnung das er publizieren könnte. Er schrieb mir dass er sehr begeistert darüber war (was eine solche Versicherung wert ist, muss man leider abwarten), dass er aber nur wenig Seiten zur Verfügung stellen konnte pro Nummer, dass er zu mir kommen wurde etc.etc. Bis jetzt habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Uebersetzung war dabei sehr gut: der Ton war ausgezeicnet getroffen worden, und ich hätte nur dann und wann etwas zu ändern: nur in Einzelfällen war der holländische Wort wirklich misverstanden worden. Ich bin Ihrer Frau sehr dankbar für Ihre Arbeit und bedauere es nur lebhaft, dass ich nicht auch etwas über die Veröffentlichung hinzufügen kann. Ich will hoffen bleiben, dass Mann etwas von sich hören lässt. Ein Vorabdruck in der Sammlung könnte man ja gut gebrauchen um das ganze Buch zu präsentieren. Ich schreibe wie ein Neger, beachten Sie es bitte nicht, ich bin todmüde von meiner Pariser Reise.

Und nun die Leidensgeschichte Ihres Dramas. Dieser Regisseur Defresne ist ein Lump. Ich habe ihm wiederholt geschrieben mir das Manuskript zurückzuschicken, falls er es nicht gebrauchen konnte. Er antwortete einfach nicht! Dann habe ich ihn telegraphiert; schliesslich ist zwei Wochen später, d.h. noch nicht lange her, das Manuskript eingelaufen, ohne Entschuldigung sogar! Ich schicke es Ihnen eingeschrieben zurück; der Brief des höfflichen Herrn liegt dabei. Was er schreibt ist blöd. Er hat gleichfalls meinen ‘Pantzerzeitung’ abgelehnt, mir aber ebensowenig geantwortet, bevor ich zu drohen anfing. Man soll nicht für die Bühne schreiben, wenigstens nicht mit der Absicht gespielt zu werden. Das ist meine Konklusion, wenn ich diese Briefe lese.

Ich habe Klaus Mann schon vor einigen Wochen über Ihre Erzählung geschrieben, die ich ihm geschickt hatte. Kein Bescheid! Ich verspreche Ihnen neue Bemühungen, habe aber kein Vertrauen mehr zu Redakteuren und Regisseuren. Sie nehmen nur was einen Namen hat, und besonders diesen Herren Emigranten kennen nur Ihre Freunde aus Deutschland vor dem Hitlerregime! Ich möchte mich eigentlich aus dem Literaturbetrieb am liebsten vollkommen zurückziehen und mich nur beschäftigen mit meiner eigenen Arbeit; so ekelt mich das alles an, denn Leute wie Klaus Mann, treiben nur Literatur, weil sie etwas treiben müssen, dass den Zeit töten kann und Ruhm verschaffen kann. Sie haben die Macht, und können unterdrücken was einen wirklichen wert hat: wenn man sehr jung ist, will man dagegen kämpfen, später sieht man ein, dass es so sein soll.

Für die Umarbeitung meines Politicus habe ich noch keine Zeit gefunden. Mir fehlt dafür die geistige Ruhe. Ich muss mich dafür setzen und während des letzten halben Jahres konnte ich die Ruhe gar nicht finden. Die Aufgabe ist nämlich nicht zu leicht, denn man muss das Essentielle behalten und die nur für Holländer wichtige Sachen trotz dem streichen. Meine Frau wird die Uebersetzung Ihrer Novelle beim Verlag einreichen, wenn Jo Spier sich entschliesst etwas von sich hören zu lassen. Ich schrieb ihm vor Monaten, hörte nichts, muss es also wieder versuchen. Vielleicht ist er mir böse, weil ich einen Aufsatz über seine Kunst geschrieben habe, der eine Psychologie des Zeitungszeichners gab.

Wir haben damals, als Sie bei uns wohnten, über die gesellschaftliche Hifslosigkeit gesprochen. Sie sehen, ich bin nicht viel besser in dieser Hinsicht wie Sie, ich vertrete Ihre Interessen dilettantisch, ich weiss es und mache mir Vorwurfe. Wenn Sie aber wussten, wie verhasst mir diese ‘Beziehungen’ zu diesem und jenem sind, die man trotz dem den nicht entbehren kann. Es wäre mir lieb mit Ihnen wieder zu sprechen. Unsere beziehungen waren ja andrer Natur. Ich habe das Gefühl dass ich Ihnen über wesentliche Angelegenheiten schwerlich schreiben kann, eben weil wir mündlich zu einander kamen und ‘literarisch’ sozusagen sehr verschieden waren, und blieben. Literarisch bezieht sich in diesem Fall auf alles, was mit der Uebertragung des persönlichen Verhaltens auf ein geschriebenes Verhalten zusammenhängt. Ich weiss z.B. sehr gut, dass der Regisseur Defresne von Ihren drama gar nichts sieht, und das Problem sogar nicht einmal entdeckt hat. Ich frage mir nur: wird das dumme Schicksal des Formes, das Sie zwingt zu einer Formgebung, die in Europa wenig Anklang finden wird, Sie nicht zu eine Isolierung verurteilen, besonders jetzt, wo der Geist sowieso schon ein seltener Luxus zu werden scheint? Was ich von Ihnen gelesen habe hat mich an erster Stelle interessiert, weil ich Sie in der epischen Gestaltung entdeckte; darum war mir Ihre Novelle, die meine beide Kollegen van Forum leider nicht aufnehmen wollten, besonders sympathisch. Für mich existieren Sie aber vor allem als Mensch, als Anwesender; ich möchte den Roman Ihrer Erzählungskunst an unserem Tisch lesen. Das wird für mich Ihr eigentlicher Roman sein. Und deshalb: Sie werden, wenn das Schichsal Sie oder Ihre Frau wieder in Holland bringen wird, mich unverändert finden, und Sie brauchen sich gar nicht zu befürchten, dass ich oder meine Frau Sie vergessen habe. Nein, wir werden sofort das Gespräch wieder aufnehmen können wo wir es abgebrochen haben.

Wie geht es Ihnen ‘gesellschaftlich’? Ihre Adresse ist noch Wien. Was machen Sie jetzt? Warscheinlich kommt bei uns bald ein junger deutscher Emigranten auf einige Wochen, der wohl in Ihr Zimmer einziehen wird; der Mann wird von der Fremdenpolizei geplagt und braucht Ruhe. Noch immer keine Besserung in den Verhältnissen, im Gegenteil Ich rechne damit, dass Sie mir ganz often schreiben, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann. Reden wir nicht davon, auch das ist ekelhaft. Wenn Sie etwas brauchen, und ich bin imstande es zu geben, ist alles selbstverständlich.

Ein schöner Brief ist dies auch wieder nicht. Aber Sie wissen nun wieder etwas, und besonders, dass ich Sie nicht vergesse. Grüssen Sie Ihre Frau bitte herzlich und sagen Sie Ihr dass ich die Kapitel umarbeiten werde, sobald ich kann, dass ich aber nicht weiss, wann mir die innerliche Ruhe dafür gegeben sein wird. Meine Frau lässt Sie gleichfalls herzlich grüssen.

Ihr Menno ter Braak

 

Meine Frau will Ihnen auch schreiben. Sie schliesst aber vorläufig Bilder ein, die erst seit kurzem abgedruckt wurden.

 

Fotokopie: Den Haag, Letterkundig Museum

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