Konrad Merz
aan
Menno ter Braak

Amsterdam, 24 september 1935

24.9.35

 

Lieber Dr. Ter Braak,

für Ihren Brief und die schnelle Erledigung danke ich Ihnen innig.

Ohne Ihre Hilfe wäre das Buch ja noch längst nicht fertig und vielleicht niemals fertig geworden. Denn ich stand damals an der äußersten Kante, von innen her und von außen, sonst hätte ich mich nicht an einen anderen gewandt.

Aber nun muß es mir scheinen, als sollte dieses Buch fertig werden, denn daß es geboren werden würde war eigentlich sehr unwahrscheinlich.

Mein Atem ist wohl auch kaum lang genug, als daß ich etwa Romane schreiben könnte, ich bin eher dramatisch als episch veranlagt. Aber es war dieses Einmalige, das aus den vielen Möglichkeiten den einen Zwang schuf, die Aufgabe, an der ich verbrennen, oder die ich durchleuchten mußte.

Nun also ist dieses Werk fertig. Ganz gleich, was jetzt damit geschehen mag: es ist mir ein erster, voller Trost das es fertig ist. Etwas, darin mein ganzes kleines Leben liegt. Das, worum ich wohl schon seit 10 Jahren schwitze, und wozu ich mich doch niemals reif genug fand bis ich dann in meinen Nächten meinte ich würde niemals ein Ganzes schaffen können. Niemals.

Und das war mein Todesurteil.

Davon mich befreit zu glauben, Sie werden verstehen, was mir das bedeutet.

Und nun? Muß ich mich wohl aus meiner Asche zurücksuchen. Bin jetzt ziemlich leergebrannt. Das spüre ich erst nun. Und leider auch körperlich. Denn ich bin mit den Nerven soweit, daß ein Arzt wohl den Kopf schütteln würde, wie ein so junger Mensch soweit...

Es ist nicht ohne Ernst und Gefahr. Cor Bruyn hat mich freundlich eingeladen, mich bei ihm in Hilversum zu erholen. Vielleicht werde ich auf einige Tage dort hinfahren.

Aber ich hätte erst gerne gewußt, was nun mit dem Buch wird. Hoffentlich zieht sich die Ausgabe nicht noch zu lange hin. Ich bin ja auch finanziell gänzlich am Ende, wo sollten die folgenden Wochen herkommen. Und auch aus anderen Gründen müßte das Buch, wenn irgend möglich, noch im November erscheinen. Man weiß ja nicht, was später geschieht, und dieses Buch hat heute vielleicht eine besondere Aufgabe.

Darum müßte es so schleunig wie möglich an den Tag kommen.

Aber Sie werden ja wissen, was getan werden muß, ich vertraue Ihnen vollkommen. Daß ich Sie anscheinend nicht enttäuscht habe, ist mir eine besondere Freude. Gerne würde ich einmal zu Ihnen kommen und mich vielleicht einen ganzen Abend lang mit Ihnen unterhalten. Muß aber warten bis das Auto eines Bekannten mich nach Haag mitnimmt.

Ich weiß jetzt garnicht, warum ich Ihnen schreibe, verzeihen Sie, ich wollte mich wohl nur aussprechen. Und konnte keinen Besseren finden.

Hoffentlich höre ich recht bald von Ihnen, das Warten ist eine traurige Beschäftigung. Daß Italien Sie nicht enttäuschen würde, war mir von vorn herein klar, daß es Ihnen so sehr gut gefallen hat, habe ich schon Ihrer Karte entnommen. Und mich darüber gefreut.

Seien Sie nun herzlich gegrüßt

von Ihrem Kurt Lehmann,

 

Das Tagebuch hat in meiner Angelegenheit wohl noch immer nicht von sich hören lassen.

 

Origineel: Den Haag, Literatuurmuseum

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