Menno ter Braak
aan
Samuel Lewin

Den Haag, [november 1935]

's-Gravenhage

Pomonaplein 22

Telefoon 393739

 

Lieber Herr Lewin,

Mein Mann ist so schrecklich beschäftigt, dass er gar nicht mehr zum Briefschreiben kommt. Sie müssen es ihm nicht übel nehmen. Und jetzt kann auch ìch Ihnen das notwendige schreiben, denn die Zeit dringt.

Ich bedauere für Sie auch sehr, dass die Legende noch nicht heraus kommen kann, besonders auch um die finanzielle Seite, weil Sie das Geld jetzt brauchen.

Ich hatte die Ubersetzung freilich beendet, aber nicht pressefertig gemacht, weil wir von Jo Spier gar nichts hörten. In Juli bekamen wir den ersten Brief, aber dann war es schon fast zu spät für eine Ausgabe im Herbst und ich hatte sehr wenig Zeit das Übersetzte Manuscript innerhalb eine Woche fertig zu machen. Vielleicht wenn wir gewusst hätten, dass Ihre Lage eine so schlimme war und dass Sie nach Amerika abreisen möchten, wäre alles noch in Ordnung gekommen.

Ich selbst bedauere eine Ausgabe in April nicht, denn in dieser Zeit kommt in Holland eine so grosse Menge Bücher heraus, dass die kleine Legende möglich ganz in der Bedrückung gekommen wäre.

Das Geld für die Abreise können wir für Sie bekommen, nicht von einem Bankgeschäft sondern von einer Privat-person, als zinsfreier Vorschuss, bis die Novelle herauskommt. Jedenfalls können Sie 100 Dollar bekommen, vielleicht, wenn nötig, ein wenig mehr. Schreiben Sie uns nur auf welche Weise wir Ihnen das Geld Schicken müssen, Gulden oder Dollar oder auf irgend eine andere Weise. Weiter vielleicht am besten in einem Brief, rekommandiert. Wenn Sie uns also schreiben, können Sie das Geld innerhalb fünf Tage in Ihrem Besitz heben. Hoffentlich haben Sie das Visum für Amerika schon bekommen. In diesem Fall sehen wir uns bald hier im Hague. Bleibt Ihre Frau vorläufig in Wien? Wie gehts ihre Gesundheit? Hoffentlich besser wie hier, obgleich diese Umstände nicht der Gesundheit zuträglich sind. Wir können jedoch verstehen dass Sie jetzt versuchen wollen in einem ganz anderen Weltteil etwas zu verdienen. Europa macht es den Emigranten jedenfalls nicht leicht; und jetzt die ganze Geschichte mit den Sanktionen. Vielleicht wird Amerika noch die besten Aussichte haben, wenn man nur erst immigrieren kann. Und möglich können Sie dort den Platz eines Italieners, der nach Abessinien gezogen ist, besetzen! Sie haben schon so viel erlebt und so viel gefährliches überstanden und aus dem Zug gesprungen u.s.w. und Sie sind noch immer im Leben geblieben! Alles wird noch einmal gut kommen! Haben Sie schon mal gehört von dem Jiddischen Theater aus New York? unter Leitung von Maurice Schwarz? Im Juni haben sie hier im Hague mit grossem Erfolg gespielt. Die Stücke waren ‘Yosche Kalb’ und noch ein Lustspiel. Ich fand es sehr schön wenn ich auch sehr wenig davon verstanden habe, denn die Schauspieler sprachen alle jiddisch. Ich dachte sofort an Ihre ‘Reb Moschel’. Haben Sie es schon einmal versucht bei diesen Leuten? Sie spielen wirklich fabelhaft.

Die ‘Panzerzeitung’ hat auch ihre erste Ausführung überlebt; es wird vorläufig auch wohl die letzte sein. Es hat mir besser gefallen, als ich erwartet hätte, wenigstens die zwei ersten Akte. Der dritte Akt war viel schlechter, besonders der Schluss. Die Studenten spielten im algemeinen vorzüglich, besonders Müller, Pankow, Ritzel und Jensen. Der zweite Akt wurde also am besten und wirklich vorzüglich gespielt. Vielleicht erinner en Sie sich diesen Personen noch.

Der Menno ist den letzten Wochen den ganzen Tag beschäftigt , der ‘seizoen’ hat wieder angefangen. Weiter hat er eine berühmte holländische Schriftstellerin auf Plagiat ertappt. Diese Dame hat nähmlich eine ‘dicke’ Roman über Jacoba von Bayern zusammengstellt, aber hat darin manche Zeilen von einem gewissen Herrn von Löher ‘entlehnt’, dass heisst wortlich kopiert. Er hat es ganz zufällig entdeckt, und jetzt steht die Dame auf den Hinterbeinen und ist wütend! und spuckt! Aber es ist gute Kopie für die Zeitung.

Hoffentlich habe ich nicht sòlche Fehler gemacht, dass Sie den Brief gar nicht verstehen können.

Viele herzliche Grüsse, auch von meinem Mann, der Ihnen auch bald wieder schreiben wird,

für Sie und Ihre Frau

Ihre

A. ter Braak-Faber

[namens Menno ter Braak]

 

Origineel: particuliere collectie

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