Menno ter Braak
aan
Samuel Lewin

Den Haag, 8 juni 1937

Den Haag, 8 Juni 1937

Kraaienlaan 36

 

Lieber Herr Lewin

Vor einigen Tagen traf Ihr Brief ein. Wir haben uns beide herzlich darüber gefreut, dass es Ihnen und Ihrer Frau gut geht. Ich habe auf Ihren ersten Brief nicht geantwortet, weil ich, wie Sie wissen, lieber Herr Lewin., kaum zum Briefschreiben komme. Leider wird mir das Vergnügen des Korrespondierens völlig verdorben durch meinen Beruf. Nur so dann und wann setze ich mich hin und lasse jemand etwas hören. Es geht uns trotzdem gut: wir haben eine neue Wohnung gemietet (Adresse finden sie oben rechts), mit einem Garten und einem Radiofreien Studierzimmer. Eben ist mein neues Buch über das Christentum (‘Van oude en nieuwe Christenen’) in Verlag Nijgh & van Ditmar erschienen. Ich hatte viel zu tun in der letzten Zeit mit der Bekämpfung des Nationalsozialismus, der sich hier breit zu machen drohte, bei den jüngsten Wahlen aber vernichtend geschlagen wurde. Mussert, der sog. Führer hat dabei die Hälfte seiner Stimmen verloren!

Die Angelegenheit ‘Chassidische Legende’ ist weniger erfreulich. Die Uebersetzung liegt fix und fertig, seit mindestens 1,5 Jahr, wenn ich mich nicht irre; ich habe sie durchgesehen, und sie ist also ungefähr pressereif. Es ist mir aber nicht gelungen die Zeichnungen von Spier zu bekommen; er versprach mir zweimal, sie einzuschicken, tat es aber nicht. Ich kann leider nichts dafür. Es ist sehr schade, dass es so geht, denn ich finde die Legende eine sehr gute Arbeit, die Ihrer Persönlichkeit, so wie ich sie kennengelernt habe, vollkommen entspricht. Dagegen - ich sage es ganz ehrlich - war mir Ihr Roman ‘Und er kehrte heim’ eine Enttäuschung. Das Buch kann ich gar nicht in Verbindung bringen mit dem mir persönlich bekannten Lewin, d.h.: ihm fehlen Ihre besten Züge, und es unterscheidet sich nicht von andren Büchern, die ich gelesen habe. Damit will ich durchaus nicht sagen, dass ich den Roman schlecht fand! Er enttäuschte mich nur deshalb, weil ich glaubte (und glaube), dass Sie etwas ganz andres schreiben könnten! Wenn wieder etwas von Ihnen in deutscher oder englischer Sprache erscheint, empfehle ich mich!

Wir hätten auf längere Zeit einen jungen deutscher Emigranten bei uns, der einen roman geschrieben hat über das Schicksal der deutschen Emigration in Holland: Ein Mensch fällt aus Deutschland, von Konrad Merz (Querido Verlag). Kennen Sie das Buch? Es ist ‘jung’, aber sehr sympathisch und keineswegs ein Emigrantenbuch im NTB-Stil. Wird Ihnen gefallen!

Ich interessiere mich lebhaft für Amerika und Ihr amerikanisches Leben. Wollen Sie nicht mal riskieren mir ein paar Eindrücke zu notieren? (Ich sage riskieren, weil ich vielleicht nicht so schnell antworte). In Europa sehe ich kaum noch eine Zukunft: es ist ‘allzuchristlich’ geworden.

Mit den herzlichsten Grüssen, auch an Ihre Frau, von

meiner Frau und Ihren

Menno ter Braak

 

Fotokopie: Den Haag, Letterkundig Museum

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